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Ärzte, Industrie, Politik und Patienten – Ein Beziehungsgeflecht wird beschrieben

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©iStock.com/Tuomas Kujansuu

Deutschland hat nicht nur das technisch hochwertigste Gesundheitssystem, sondern auch das sozial Gerechteste. Aber es gibt auch Herausforderungen, enorme sogar. Das hielt Dr. Markus Söder, der ehemalige bayerische Gesundheitsminister beim Pharma Trend Image & Innovation Award 2011 im September fest. Wie stellt sich der Gesundheitsstandort Deutschland dar? Und wo liegen die Herausforderungen? Hier gibt es ganz unterschiedliche Sichtweisen. Sparen um jeden Preis oder breite Teilhabe an bestmöglicher Versorgung – richtig oder falsch? Die Blickwinkel sind entscheidend. Und scheinbar unvereinbare Positionen können schnell notwendigen Kompromissen weichen, wenn man sich das gemeinsame Ziel vor Augen führt: Die bestmögliche Versorgung von Patienten. Dennoch handeln die Healthcare-Akteure aufgrund ganz unterschiedlicher Interessenslagen. PharmaBarometer zeigt, wo es Überschneidungen gibt, die als Impulse für eine gemeinsame Aktion dienen können.

Healthcare-Akteure sind alle, die mit ihrem Handeln auf die Gesundheit der Menschen in Deutschland einwirken. Dabei gibt es zwar einzelne Akteure, dennoch kommt eine gewichtige Rolle gerade Akteuren zu, die sich zusammengeschlossen haben und mit einer Stimme sprechen. Sie haben in der Regel identische oder zumindest ähnliche Interessenslagen.

Von Ebenen, Verbänden und Netzwerken

Als staatliche und damit übergeordnete Ebene gibt die Politik die Rahmenbedingungen vor – durch Gesetze und Verordnungen. Korporatistische Verbände wie der GKV-Spitzenverband werden von der Politik unmittelbar eingebunden, sie sorgen mitunter für die Ausgestaltung der staatlichen Vorgaben. Daneben bestehen sogenannte freie Verbände wie der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, die als Interessensvertretung ihrer Mitglieder fungieren. Zudem gibt es Individualakteure, dazu zählen Leistungserbringer wie Ärzte, Kliniken, Apotheken, Pharmaunternehmen, Leistungszahler wie Krankenkassen sowie als Leistungsempfänger die große Gruppe der Patienten. Während sich freie Verbände meist aus bestimmten Interessensgruppen zusammensetzen liegt die Chance in einer übergreifenden Form der Verbindung: Dem Netzwerk.

Netzwerke reichen weit hinaus über die Grenzen von Interessensgruppen. Ein Beispiel: Bei der Veranstaltung Pharma Trend Image & Innovation Award werden jedes Jahr die Gewinner der Ärzteumfrage Pharma Trend bekannt gegeben. In zehn Facharztgruppen wählen Ärzte die innovativsten Produkte sowie die Pharmaunternehmen mit dem besten Image. Die Bedeutung der Veranstaltung zeigt sich in mehrfacher Hinsicht. Der Preis steht nicht nur für Innovation und Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen. Er ist ebenso Sinnbild für Austausch und Kommunikation über Grenzen hinweg. Es sind Ärzte, die hier die innovativsten Medikamente wählen. Ärzte als Anwender können am besten beurteilen, inwiefern Medikamente innovativ sind. Und sie urteilen auch mit Blick auf ihre Patienten, von denen sie direktes Feedback zu Erfolgen und Schwächen einer Therapie erfahren. So können sie die Stärken der verordneten Präparate nachvollziehen. Dieses Feedback dient der pharmazeutischen Industrie auch zur eigenen Standortbestimmung. Allein die Auszeichnung des innovativsten Produktes bietet also die Chance einer Kommunikation über drei Gruppen hinweg: Ärzte, ihre Patienten und Arzneimittelhersteller.

Austausch und Innovation

Entsprechend ergiebig war auch der Austausch bei der Preisverleihung Pharma Trend Image & Innovation Award im Deutschen Museum in München. Der bayerische Gesundheitsminister bekannte sich hier klar zum Forschungsstandort Deutschland, Henning Fahrenkamp vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie zeigte dagegen die Probleme auf, mit denen die Forschung immer wieder konfrontiert wird. Neben Vertretern von Politik, Verbänden, bedeutenden Stiftungen und Selbsthilfegruppen waren Ärzte und die pharmazeutische Industrie vor Ort. So wurde auch die Chance zum Networking besonders an der Veranstaltung gelobt, z.B. vom Mediziner Dr. med. Germar Büngener: „Ich habe sehr viele Kontakte knüpfen können, da ich auch berufspolitisch aktiv bin und mein Ziel ist es, dass wir in Zukunft eine gute ärztliche Versorgung in Deutschland haben.“ Wichtige Grundlage für Networking besteht darin, die Probleme und Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen, zu verstehen und im besten Falle im Dialog an einer Änderung zu arbeiten.
Deshalb forderte der BPI auch eine stärkere Beteiligungsmöglichkeit bei Entscheidungen zu Arzneimitteln. Schließlich hat die pharmazeutische Industrie beim Abschluss der Rahmenvereinbarung zu den Erstattungspreisverhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband bewiesen, dass sie mit der Kassenseite zusammenarbeiten kann und gemeinsame Lösungen finden will. Der BPI schlägt vor, dass ein wissenschaftlicher Beirat beim G-BA in die Diskussionen um die Vergleichstherapie eingebunden wird. So reagieren Verbände mit laufenden Verbesserungsvorschlägen und konstruktiven Forderungen auf das AMNOG. Vor bald einem Jahr trat das Gesetz in Kraft, mit dem die Regierung in Berlin den Arzneimittelmarkt regulieren wollte. Ein Hindernis für Marktneueinführungen, Probleme bei der Refinanzierung jahrzehntelanger Forschung – die Argumente von Seiten der Industrie sind schlüssig. Deshalb spielen Dialog und Networking und damit gerade der Bereich Market Access eine zunehmend exponierte Rolle für Pharmaunternehmen. Die Gelegenheit zum Austausch mit der Politik ergibt sich z.B. bei Kongressen, in deren Rahmen die Healthcare-Akteure zusammenkommen.

Öffentlichkeitsarbeit: „Tue Gutes und rede darüber“

Durch kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit versuchen auch Selbsthilfegruppen auf die Belange Betroffener aufmerksam zu machen. So untersuchte die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe regelmäßig, wie sich die Situation erkrankter Menschen verbessern lässt. Die Arbeit dieser gemeinnützigen Organisation liegt dabei vornehmlich in der Prävention durch die Information breiter Bevölkerungsschichten. Anlässlich des Weltdiabetestages informiert die Stiftung Deutscher Schlaganfallhilfe anhand einer kanadischen Studie, dass junge Diabetiker im Alter von 30 bis 44 Jahren ein nahezu 6-fach erhöhtes Schlaganfall-Risiko haben. Gestützt auf eigene Umfragen, publiziert im Schlaganfall-Barometer, plädiert die Stiftung für mehr Beratungs- und Betreuungsangebote von Patienten außerhalb der Kliniken und eine verbesserte Prävention. Angesichts der Betroffenenzahlen von rund 6 Millionen Typ-2-Diabetikern in Deutschland und Millionen Erkrankter in anderen Indikationen ist die Arbeit der Stiftungen eine wertvolle Hilfe für Betroffene. Auch Krankenkassen setzen auf Öffentlichkeitsarbeit. Jeder zweite der rund sechs Millionen Typ-2-Diabetiker in Deutschland profitiert nach Angaben der AOK von der besseren medizinischen Versorgung in einem strukturierten Disease-Management-Programme (DMP). Bei dieser besonderen Versorgungsform zahlen die Krankenkassen zusätzliche Honorare in Höhe von rund 800 Millionen Euro an Ärzte. Mit dem Geld wird vor allem die intensivere Betreuung und Schulung der chronisch Kranken finanziert. Mit diesen guten Nachrichten verbindet die Krankenkasse ihre Forderungen nach gesicherten finanziellen Rahmenbedingungen, letztlich ein Appell an die Politik.

Um immer im Sinne des Patienten zu handeln, stellt sich Healthcare-Akteuren die Frage: Wo spricht der Patient? Patienten informieren sich vermehrt online zu Gesundheit. Und sie nehmen nicht nur Informationen auf, sie schreiben auch selbst und lassen andere an ihren Erfahrungen und Meinungen teilhaben. Verschiedene Healthcare-Akteure folgen ihnen ins Netz. Mitte 2010 hat die erste Krankenkasse ein Portal zur Arztbewertung gestartet. Auch Apotheken finden vermehrt im Internet ihre Kunden. Ebenso wollen die Hersteller online den Kontakt mit anderen Gruppen intensivieren. So hat der Impfstoffspezialist Sanofi Pasteur MSD (SPMSD) Mitte 2011 auf seiner Internetseite impfenaktuell.de eine Diskussionsplattform gestartet. „Impfen im Dialog“ soll interessierten Bürgern Antworten liefern – Antworten von Impfexperten aus dem Unternehmen. Die Themen des Dialogs werden dabei durch die Seitenbesucher festgelegt, nicht durchs Unternehmen.

Eine Chance für Wandel

Liegt die Zukunft des Dialogs im Internet? Hier vermittelte das Symposium „Die Ärzte in den Sozialen Netzwerken“ des Medizin-Management-Verbandes e.V. im September 2011 unterschiedliche Aussichten. Dr. Barbara Ruß-Thiel beleuchtete, welches Verhältnis Ärzte zum Web 2.0 haben. Dabei führte sie zwar eine große Anzahl an Gruppen auf, mit denen Ärzte online in Kontakt treten können: die eigenen Kollegen, Fachverbände und die pharmazeutische Industrie. Aber es wurden auch die Gründe für die noch überwiegende Zurückhaltung der Ärzte angesprochen, z.B. Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes. Dennoch machte auch  Martin Floerkemeier von Edelman in seinem Vortrag „Was Industrie & Ärzte im Internet über Patientenbedürfnisse lernen können“ deutlich, dass im Netz breit gefächerte Austauschmöglichkeit warten. Der Spezialist präsentierte interessante Erkenntnisse zum Nutzungsverhalten der Patienten im Internet: Fast 28 Millionen Bundesbürger, das sind 60% aller deutschen Internetnutzer, erkundigen sich im Web zu Krankheiten und gesunder Ernährung. Ziel des Patienten ist es vorrangig eine Zweitmeinung einzuholen, von einem Arzt oder aus anderen Quellen. Der Vortragende beschreibt auch die Folgen für die pharmazeutische Industrie. Für Unternehmen ist es eine enorme Herausforderung, dass Patienten immer besser informiert sind. Aber die Chancen für Kommunikation und Austausch überwiegen klar.

Diesem Dialog und der Zusammenarbeit zwischen den Healthcare-Akteuren kommt die Hauptrolle zu, wenn es um die Herausforderungen im Gesundheitswesen geht. Dabei kann die Vernetzung im Internet als eine von vielen Säulen gesehen werden. Vorteile wie Transparenz und Nachteile wie Anonymität müssen genau abgewogen werden. Dem klassischen Networking, dem Austausch bei Veranstaltungen wird weiterhin eine tragende Bedeutung zukommen, da letzten Endes nichts über den persönlichen Kontakt geht. Dabei treten immer wieder die gemeinsamen Ziele vor Augen.

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