Biotechnologie

Ethik der Personalisierten Medizin

Biotechnologie
©iStock.com/nicolas_

Einige Gedanken aus der Tagung von m4 und TTN

Am Anfang war das Wort. Nur welches? Ist es personalisierte Medizin, individualisierte Medizin, stratifizierte oder gar stratifizierende Medizin? Jeder dieser Begriffe hat seine Vor- und Nachteile: personalisiert ist zwar griffig und in der englischen Version international etabliert, doch aus philosophischer Sicht sollte der Begriff der Begegnung, dem Bewusstsein des Menschen vorbehalten sein. Individualisiert betont stärker den biologischen Aspekt, doch weckt der Begriff auch falsche Hoffnungen auf Therapien, die ganz speziell für einen Menschen entwickelt werden. Stratifizierung ist sicherlich sachlich am richtigsten, doch leider auch sperrig und für viele unverständlich. Der sensible Umgang mit Begriffen ist aus ethischer Sicht relevant, da durch irreführende Bezeichnungen falsche Hoffnungen geweckt werden können, die, wenn sie sich nicht erfüllen, das Vertrauen in diesen Zweig der Medizin zerstören können. Und dies wäre nach Ansicht der Referenten fatal, da alle zustimmten, dass Personalisierte Medizin im Prinzip eine gute und wünschenswerte Entwicklung ist, sofern durch verbesserte Diagnostik und  zielgerichtete Therapien ein medizinischer Fortschritt erreicht wird.

Doch der Fortschritt ist wie die Freiheit ein ambivalenter Begriff: Gerade die Möglichkeit, aus  genetischen Informationen eine Wahrscheinlichkeit abzuleiten, in Zukunft an einer bestimmten Krankheit zu leiden, ist zweischneidig. Zum einen kann das Wissen um ein spezifisches Risiko die Person zu einer gezielten Prävention ermächtigen, die den Ausbruch der Krankheit verhindern oder durch frühzeitige Therapie mildern kann. Zum anderen könnte dieses Wissen Menschen zu „genetischen Risikopersonen“ abstempeln und unser solidarisches Gesundheitssystem herausfordern, wenn daraus ein Zwang zum präventiven Verhalten abgeleitet würde. Hier könnte sich die Wahrnehmung von Krankheit verschieben von „schicksalhaft“ zu „selbstverschuldet“ Auf der anderen Seite zeigen uns die Erkenntnisse aus der Forschung (Stichwort Epigenetik), dass biologischer Determinismus unangebracht ist und wir zumeist keine 100%igen Aussagen über künftige Krankheit oder Gesundheit treffen können.

Wie gehen wir mit dieser Unsicherheit um, was wollen wir wissen – und vor allem: was wollen wir nicht wissen? Die informelle Selbstbestimmung schließt nicht nur den Datenschutz ein, sondern auch das Recht auf Nicht-Wissen. Ethisch sensibel ist vor allem die Frage, wie mit Informationen umgegangen werden soll, die Dritte betreffen, z.B. das Vorhandensein einer schweren Erbkrankheit in einer Familie. Durch fehlende gesetzliche Regelungen wird die Entscheidung hier individualisiert und kann den Betreffenden überfordern. Kritisch zu sehen sind kommerzielle Anbieter, die nach der Analyse des Erbguts ein prozentuales Risiko, an einer bestimmten Krankheit zu erkranken, angeben. Die medizinische Einbettung dieser Information ist unerlässlich, eine Beratung zu den Handlungsoptionen, die sich daraus ergeben, ethisch geboten. Doch bei hunderten untersuchten Markern ist eine umfassende Beratung fast unmöglich. Warum also testen, wenn die Ergebnisse keinen Wert haben?

Die Experten auf der Tagung wiesen darauf hin, dass sich die Forschung tatsächlich weniger auf die umfassende Genotypisierung des Menschen zur Risiko-Abschätzung fokussiert, sondern auf einzelne Krankheiten und konkrete Therapieentscheidungen. Stratifizierende Biomarker sollen ermitteln, ob ein Patient von einem bestimmten Medikament profitieren wird – und nur dann soll er es erhalten. Dieses Vorgehen ist nicht „ungerecht“, da die Gerechtigkeit nicht nur gebietet, Gleiches gleich, sondern auch Ungleiches ungleich zu behandeln. Ein unwirksames Medikament vorzuenthalten ist ferner medizinisch notwendig, denn jede Arznei birgt das Risiko von Nebenwirkungen.

Gerechtigkeitsrelevante Fragen ergeben sich an anderer Stelle: Möglicherweise ist eine ausgeprägte Differentialdiagnostik und -therapie schlechterdings unbezahlbar. Im Wohlfahrtsstaat existiert ein Recht auf das transzendentale Gut Gesundheit. Doch dieses Gut ist durch die Kosten des Gesundheitswesens limitiert. Es gilt, Verteilungsgerechtigkeit zu schaffen, mit dem Ziel, den meisten Menschen die bestmögliche Therapie bereit zu stellen. Zweifelsohne könnten durch Einsparungen in ein effizienteres Gesundheitssystem und mehr Patienten Compliance Ressourcen freigesetzt werden, doch die Kernfrage bleibt: setzen wir unsere Ressourcen bestmöglich ein, wenn wir Personalisierte Medizin fördern? Daher ist es auch eine ethische Frage, ob durch Personalisierte Medizin die Versorgungskosten tendenziell sinken oder steigen. Dies wird sich nicht pauschal beantworten lassen und für jede neue Therapie ist daher auch aus ethischer Sicht eine unabhängige Nutzenbewertung und gesundheitsökonomische Betrachtung geboten.

Allerdings ist die teuerste Therapie noch immer die nicht-effiziente Therapie. Durch die begrenzte Wirksamkeit von Medikamenten müssen oftmals verschiedene Therapien getestet werden, bevor dem Kranken geholfen werden kann. Wo immer möglich, wird ein Arzt versuchen, seinem Patienten „Versuch und Irrtum“ zu ersparen und zielgerichtet das Medikament mit der höchsten Wirkwahrscheinlichkeit verschreiben. Die Nutzung von molekularbiologischen Markern ist in der Onkologie, insbesondere bei Lungenkrebs und Leukämie, schon etabliert und wird sich in Zukunft auf weitere Indikationen ausweiten. In der praktischen Anwendung zeigt sich, dass die Einbeziehung genetischer Informationen und molekularbiologischer Erkenntnisse die Medizin nicht neu erfindet: Es werden schlicht alle zur Verfügung stehendenden diagnostischen Möglichkeiten genutzt, um zwischen Therapieoptionen abzuwägen. In dieser Hinsicht besitzt die Personalisierte Medizin keinen prinzipiellen Unterschied zu der Medizin, die seit jeher praktiziert wird. Vielleicht werden wir sie daher in einigen Jahren weder Personalisierte, noch individualisierte oder stratifizierte Medizin nennen, sondern schlicht: Medizin.

Melden Sie sich für unseren Newsletter an:

Unser Newsletter informiert ereignisbezogen, in der Regel monatlich, zu Innovation und Nachhaltigkeit im Gesundheitsbereich. Informationen zu den Inhalten, der Protokollierung Ihrer Anmeldung, dem Versand über den US-Anbieter MailChimp, der statistischen Auswertung sowie Ihren Abbestellmöglichkeiten, erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.