Biotechnologie

Biotechnologie blickt mit gedämpfter Hoffnung in die Zukunft

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©iStock.com/nicolas_

Die aktuelle Branchenumfrage von BIO-Deutschland und der Zeitschrift „transkript“  offenbart, dass die deutsche Biotechnologie gedämpft optimistisch ins Jahr 2012 startet. Die mehr als 1.000 befragten Unternehmen gaben an, dass sie zwar ihre aktuelle Lage etwa gleich einschätzen wie vor einem Jahr (der Indexwert ist 96 im Vergleich zum Vorjahreswert von 95), doch die Erwartungen in die Zukunft sind deutlicher gedämpft (2010: 98 Punkte, 2011: 92 Punkte).

Dazu mag beitragen, dass die Finanzierungssituation für Biotechnologie-Unternehmen schwierig bleibt. Wenn auch Peter Heinrich, Vorstandsvorsitzender der BIO Deutschland, bilanzierte: „Die krisenerprobten deutschen Biotechnologie-Unternehmen haben sich erstaunlich gut an die Finanzmittelknappheit angepasst. Sie arbeiten weiter an der Entwicklung neuer Produkte und werden dabei zunehmend profitabel.“ Durch den Ausbau von Produkt- und Dienstleistungsmodellen versuchten sich demnach die Unternehmen zunehmend unabhängig von Wagniskapital zu machen.

So fragt man sich bei einem Blick auf den dramatischen Rückgang an frischem Kapital doch, ob man nicht in einen tiefen Abgrund schaut: die Summe ist von 650 Mio. Euro in 2010 auf  nur mehr 141 Mio. Euro Wagniskapital im Jahr 2011 gesunken. Der Vergleich mit den Werten der Vorjahre (2009: ca. 300 Mio. Euro) zeigt allerdings, dass 2010 auch überdurchschnittlich gut war. In diesem Jahr hatten die erfolgreichen Finanzierungsrunden von Wilex, Agennix, Micromet und weiteren besonders stark zu Buche geschlagen – etwas, das man nicht jedes Jahr so wiederholen kann.

Man mag sich fragen: Woraus schöpft die Biotechnologiebranche dann überhaupt noch Hoffnung? Die eigene gute gefüllte Pipeline an Medikamentenkandidaten lässt diese Firmen hoffen, dass sie angesichts der dramatisch leeren Entwicklungs-Pipelines der Pharmaindustrie nun stärker in den Fokus rücken. Insbesondere im Jahr 2012, in dem das lange vorhergesagte „patent cliff“ ganz konkret einige Blockbuster-Erlöse durch die aufkommenden Nachahmerprodukte aus den Kassenbüchern der Pharmafirmen eliminiert. So beobachtet man schon einige Firmenzusammenschlüsse (also den „Einkauf von zusätzlichen Erlösen“) zwischen Pharma und Pharma oder auch Generikaherstellern. Jedoch künden auch einige große Deals davon, dass diese Hoffnung mancher Biotechfirmen nicht ganz unbegründet ist: Erst kürzlich verkündete der Biotech-Riese Amgen, die Münchner Biotechfirma Micromet samt seiner innovativen Medikamentenkandidaten für über eine Milliarde US $ übernehmen zu wollen!

Doch – zumindest derzeit – schließen nur solche Biotechs derart profitable Deals mit Pharma ab, die schon sehr fortgeschrittene klinische Projekte vorweisen können. Die deutschen Biotech-Unternehmen zeigen zwar ein beeindruckendes Portfolio – gerade im Bereich Onkologie – doch die Kandidaten sind meist erst in Phase I und Phase II. Und wegen des Geldmangels ist auch keine Trendwende  in Sicht, denn die Durchführung der teuren klinischen Studien, insbesondere der Phase-III, ist von den deutschen Biotechs alleine nicht zu finanzieren. Hier zeigt sich, dass auch die Abhängigkeit von BigPharma weiter steigt, da viele interessante klinische Projekte nur weiterentwickelt werden können, wenn sich eine Pharmapartnerschaft mit dem jeweiligen Biotechunternehmen ergibt.

Wie also können „frühe“ Projekte, wie könnte die Biotechbranche aus diesem Dilemma heraus? Gefüttert von neuen molekularbiologischen Erkenntnissen über Krankheitsmechanismen, befeuert von immer schnelleren, immer günstigeren Sequenzierungstechnologien und auch bedrängt und angetrieben von neuen Zulassungshürden, die den Nutzen eines Medikaments noch härteren Prüfungen unterziehen, entsteht die „Personalisierte Medizin“ – nicht mehr nur als Vision oder gar „Marketing-Gag“, sondern als schlichte ökonomische Notwendigkeit für ein Unternehmen, das innovative Medikamente auf den Markt bringen will. „Personalisierte Medizin“ birgt nicht nur für Ärzte und Patienten, sondern gerade auch für Biotechnologie-Unternehmen eine große Chance: Wenn durch einen geeigneten Biomarker eine Stratifizierung der Patienten gelingt, für die das Medikament einen entscheidenden Zusatznutzen im Vergleich zur Standard-Therapie ergibt, dann wird auch Big Pharma zu interessieren sein – vermutlich sogar „nur“ dann.

Für die Biotech-KMU kommt es also entscheidend darauf an, bei allen Produktkandidaten auch den geeigneten Biomarker im Set anbieten zu können – im Idealfall auch die Diagnostik. Wenn das Paket stimmt, wird die Pharmaindustrie diese Investition nicht scheuen.

Die Politik in Deutschland hat die Zukunftschance der personalisierten Medizin erkannt und fördert in verschiedenen überregionalen und lokalen Initiativen ihre Erforschung und Entwicklung. Durch engere kooperative Verknüpfung von Biotech-(und Pharma-)Industrie mit der exzellenten Wissenschaft soll der nötige Umbruch in der Wertschöpfungskette einer Medikamentenentwicklung implementiert werden. Die adressierte Patientengruppe soll frühzeitig definiert werden, die geeigneten Biomarker, um diese zu charakterisieren, sollen gefunden werden und neue Rückkopplungsschleifen aus der Therapieanwendung auf die Feinjustierung der eingeschlossenen Patienten und die Auswahl der ggfs. besseren Therapie sollen etabliert werden. All diesen Themen widmen sich derzeit im „Spitzencluster-Programm“ des Bundesforschungsministeriums mit München (m4 – personalisierte Medizin), Heidelberg (BioRN) und Mainz (CI3) gleich drei Regionen, um bessere, zielgerichtete Medikamente für die geeigneten Patienten zu entwickeln. Zusätzlich hat das BMBF sechs „nationale Gesundheitsforschungszentren“ und viele weitere Initiativen auf den Weg gebracht, die sich dem Thema „personalisierte“ oder „individualisierte“ Medizin stärker annehmen sollen. Auch in den Ländern gibt es derartige Ansätze – zum Beispiel den Wettbewerb PerMed.NRW, der auf den nächsten Seiten vorstellt, welche Vorhaben Nordrhein-Westfalen derzeit in diesem Bereich – der nichts weniger ist, als die Medizin der Zukunft – unterstützt.

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