Biotechnologie

Biotech goes global – aber wie?

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Eine der Kernfragen der deutschen Biotechnologie ist häufig ihr internationaler Stellenwert.  Hierfür werden gerne und oft allerlei Studien und neudeutsche „Benchmarkings“ angestellt – und natürlich wird meist nur das publiziert, bei dem der eigene regionale Standort noch einigermaßen gut oder sogar am allerbesten dasteht.

Einmal unabhängig von den üblichen Kriterien dieser Standortvergleiche und der Diskussion über ihre Sinnhaftigkeit bleibt ja aber eigentlich eine Frage oft unbeantwortet: braucht die deutsche Biotechnologie-Branche überhaupt internationale Partnerschaften oder gar eine spezielle Internationalisierungsstrategie? Hat sie so etwas schon zumindest vereinzelt, oder hat sie so etwas nicht nötig?

Betrachtet man die Ebene des einzelnen Unternehmens, so kann man für die Medikamentenentwickler – immer noch der Großteil der deutschen Biotech-Branche agiert in diesem Bereich – festhalten, dass hier eine Internationalisierung bereits lange vor dem Markteintritt erfolgt, ja erfolgen muss bzw. in der Vergangenheit erfolgen musste. Und dies hat schlicht mit Geld zu tun. Die milliardenschwere Entwicklung eines neuen Medikamentes bis zur Zulassung gelingt einem mittelständischen Biotechunternehmen in der Regel nicht alleine, hier sind Partnerschaften mit den global agierenden Großen der Pharmaindustrie an unterschiedlichen Entwicklungsschritten in der klinischen Erprobungsphase gang und gäbe.  Einzelne deutsche Unternehmen schaffen es sehr weit oder in einer Nischenindikation doch auch selbst bis zur Zulassung, müssen dann aber einsehen, dass der Aufbau eines internationalen Vertriebsnetzes die finanziellen Möglichkeiten übersteigt und werden an dieser Stelle meist die internationalen Vertriebsgesellschaften, oder viele einzelne für viele einzelne Regionen, mit ins Boot holen müssen.

Für den Aufbau dieser Partnerschaften haben sich „Partnering-Veranstaltungen“ etabliert, von denen in Europa die jährliche, an unterschiedlichen Orten stattfindende BIO Europe die größte und erfolgreichste ist. Nach dem Erfolg von 2010 in München haben sich gerade wieder rund 3000 Teilnehmer in Düsseldorf in dieser als eine Art „speed dating“ angelegten Kontaktbörse über die eigenen Qualitäten und Interessen ausgetauscht.

Während die mittelständischen Medikamentenentwickler also früher oder später noch vor Markteintritt meist internationale Teilhaber am Erfolg an die jeweiligen Produkte andocken müssen, um überhaupt die Entwicklungskosten darstellen zu können, versuchen die Geräte-, Kit- und Reagenzienentwickler – von denen es ebenfalls eine ganze Reihe sehr erfolgreicher deutscher Biotechunternehmen gibt – diese Wertschöpfung möglichst ungeteilt aus internationalen Märkten in die Heimat zu holen. Dies gelingt im Laborausstatter- oder auch Diagnostikbereich denjenigen bekannten deutschen Unternehmen, die groß genug sind für eigene internationale Niederlassungen, noch recht erfolgreich. Kleinere Unternehmen, frisch aus der Uni, haben jedoch das Problem, dass sie mehrere Schritte gleichzeitig vollziehen müssten: den regionalen Markt für das erfundene Produkt erschließen und mit den ersten Kundenkontakten auch die Produktverbesserung vorantreiben; je nationaler diese ersten Kunden sind, umso spezifischer auf deren Anforderungen wird auch die Produktanpassung durchgeführt werden; nur in dem „Glücksfall“, dass gleich die ersten Kunden auch internationaler und damit vielfältiger in ihren Anforderungen sind, kann die Produktanpassung auch gleich für mehrere Zielmärkte parallel erfolgen – in der Regel geschieht dies jedoch schrittweise und sehr viel aufwändiger erst mit einer Zielgruppenerschließungsstrategie auf jeden einzelnen internationalen Markt. Und hier sind viele junge Unternehmen und Unternehmen doch überfordert in der Kürze der Zeit, solange eine Innovation noch „heiß“ ist, eine gute internationale Marktdurchdringung selbst zu erreichen. Sie laufen daher Gefahr eben doch eine größeren Teil der Wertschöpfung mit dem jeweiligen Vertriebspartner teilen zu müssen.

Hier ist Unterstützung nötig und für unsere nationale Volkswirtschaft auch wertvoll. In vielen anderen, weniger erklärungsbedürftigen oder auch schon besser eingespielten Branchen, mag eine Außenhandelskammervertretung oder eine internationale Vertretung eines Bundeslandes schon hilfreich genug sein, um diese Märkte erschließen zu können. In der pharmazeutischen Biotechnologie ist jedoch eine sehr viel spezifischere Hilfestellung nötig, und dies gilt besonders für den asiatischen Raum. Am Beispiel Japans versucht die Region München die Unternehmen hier nun sehr konkret zu unterstützen:

Bereits ein Blick auf die zahlreichen Deals und langjährigen Kooperationen zwischen bayerischen Biotech‐Unternehmen und japanischen Pharmakonzernen verrät, dass Japan für unsere Branche beinahe ebenso attraktiv ist wie die Pharmaindustrie in den USA. Die Bio-M hat sich im Interesse ihres Biotech-Netzwerks daher entschlossen, die bestehenden guten Kontakte zu Japan zu formalisieren: Am 4. Oktober 2011 fand auf japanischem Boden die feierliche Unterzeichnung einer transnationalen Kooperationsvereinbarung zwischen den Biotechnologie‐Clustern München und Osaka statt.
Die Partnerschaft beinhaltet den regelmäßigen Austausch von Informationen über neue Technologien in Akademie und Wirtschaft, über neue industrielle Entwicklungen, sowie den Austausch von best practices im Technologietransfer und der Unterstützung von Biotech‐KMU. Dabei soll bayerischen Firmen der oft mühsame Zugang zur japanischen Pharmaindustrie erleichtert werden, welche im Großraum Osaka gut vertreten ist. Die Vereinbarung soll aber auch den Weg für weitere Industrie‐Industrie‐ und Industrie‐Akademie‐Kooperationen zwischen den beiden Regionen ebnen. Im Rahmen der Kooperationsvereinbarung ist beispielsweise eine Messe‐ und Partneringreise für bayerische Firmen und Wissenschaftler zur Bio Japan im Oktober 2012 geplant.

In unserer japanischen Partnerregion Kobe sind die spannenden Entwicklungen im Bereich Proteine besonders hervorzuheben. Der japanische Wissenschaftler Prof. Tadamitsu Kishimoto, Präsident von Osaka Bio Headquarters und Unterzeichner des oben genannten Kooperationsvertrags, erforscht seit den 80er Jahren die Eigenschaften von Interleukin‐6. Inzwischen laufen klinische Entwicklungen bei Arthritis‐Indikationen und anderen chronisch entzündlichen Erkrankungen. Auch Münchner Biotech-Unternehmen forschen und entwickeln in diesem Bereich.
Die herausragende Proteinforschung der Osaka‐Region spiegelt sich auch in der 2009 gegründeten „Protein Mall Kansai“ wider (www.osaka‐bio.jp). Hier haben sich 56 Mitgliedsfirmen und wissenschaftlichen Einrichtungen zusammengeschlossen, um Expertenrat und Auftragsforschung in der proteinbasierten Medikamentenforschung und ‐entwicklung anzubieten. Osaka Bio Headquarters agiert wiederum als Ansprechpartner für externe Anfragen und bietet mit der Protein Mall Kansai Problemlösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Nun versuchen also beide Netzwerkorganisationen Wege zu eröffnen, die ein einzelnes Unternehmen nur sehr viel mühsamer beschreiten könnte.

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